Nimmt Putin bald von hier die Ukraine in die Zange?

Die ehemalige Sowjetrepublik gerät durch den Krieg im Nachbarland Ukraine zunehmend unter Druck. Denn auch dort gibt es prorussische Separatisten. Wird das Land zum nächsten Ziel des Kremls? 

Maia Sandu versuchte die Lage zu entspannen. “Wir appellieren an die Bürger, Ruhe zu bewahren und sich sicher zu fühlen”, sagte die Präsidentin von Moldau am Dienstagabend, obwohl die Situation “schwierig und belastend” sei. Zuvor hatte in dem Land der oberste Sicherheitsrat getagt.

Obwohl Sandu Präsidentin ist, hat sie auf Teile ihres Landes de facto keinen Einfluss: Nach der Unabhängigkeit der ehemaligen Sowjetrepublik 1991 brach in dem östlichen Teil Transnistrien ein Krieg aus, wodurch die Region seit 1992 von Moldau unabhängig agiert und die Nähe zu Russland sucht, aber von keinem anderen Staat weltweit anerkannt wird 

Explosionen im Separatistengebiet

In dem prorussischen Gebiet kann von Ruhe aktuell nicht die Rede sein: Am Montag soll dort das “Ministerium für Staatssicherheit” mit Granatwerfern beschossen worden sein. Am Dienstag wurde dann der Angriff auf zwei Funkmasten vermeldet.

Auch am Tag nach Sandus Worten besserte sich die Lage nicht, im Gegenteil: Diesmal wurde aus der Separatistenregion der Beschuss eines Dorfes vermeldet, in dem sich ein russisches Munitionslager befindet. Zuvor sollen dort Drohnen gesichtet worden sein, die aus der Ukraine stammen sollen. Mit rund 20.000 Tonnen Munition soll es sich laut den transnistrischen Behörden um das größte Lager Europas handeln. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben bisher nicht, auch hat sich niemand zu den Vorfällen bekannt.

Umgestürzte Funkmasten in Transnistrien: Zu dem Angriff bekannte sich niemand. (Quelle: Uncredited/Press Center of the Ministry of Internal Affairs of the Pridnestrovian Moldavian Republic/AP/dpa)

Prorussische Separatisten, ein westlich orientiertes Staatsoberhaupt in einer ehemaligen Sowjetrepublik, die weder der Nato noch der EU angehört: Auch wenn die Ukraine das deutlich größere Land ist, werden die Parallelen zu Moldau schnell deutlich – und der Druck scheint zuzunehmen.

Das russische Militär deutete bereits vor einigen Tagen an, dass es einen “Zugang” von der Südukraine nach Transnistrien anstrebe. Das Außenministerium in Moskau warnte ebenfalls indirekt davor, dass es zu einem Einmarsch in das Land kommen könnte. Dienen die zuletzt gemeldeten Angriffe nun als Startschuss für die nächsten Kampfhandlungen?

Wenige Tausend Soldaten

“Das ist ein klarer Versuch, einen Vorwand zu schaffen, damit russische Truppen dort einmarschieren”, ist sich Katja Plate, Leiterin der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung in Moldau, sicher. Sie vermutet, dass die Angriffe von Transnistrien oder Russland selbst initiiert wurden. Denn in der Region habe weder Moldau noch die Ukraine oder eine andere Partei ein Interesse daran, die Situation eskalieren zu lassen.

Wer das Land isoliert betrachtet, könnte zunächst von überschaubaren Risiken ausgehen: Militärisch befinden sich in der Republik Moldau schätzungsweise nur zwischen 6.000 und 7.000 Soldaten, hinzu kommen rund 12.000 Reservisten. In Transnistrien sollen sich nur rund 5.000 Soldaten aufhalten. Dazu kommen noch etwa 1.500 Soldaten aus Russland, die allerdings schlecht ausgestattet sein sollen.

Zangenangriff auf die ukrainische Schwarzmeerküste?

Allerdings könnte sich das Risiko einer Eskalation schnell vergrößern: Plate vermutet, Russland könnte über den Flughafen von Tiraspol Soldaten nach Transnistrien schicken. Anschließend könnten die Truppen von dort Angriffe auf den Südwesten der Ukraine starten und Städte wie Mykolaiv und Odessa von zwei Seiten attackieren. “Zum russischen Ziel, die Schwarzmeerküste einzunehmen, passt es am besten, aus Transnistrien die Ukraine anzugreifen”, meint die Expertin im Gespräch mit t-online.

Ähnlich hatte es auch das ukrainische Verteidigungsministerium am Mittwoch formuliert. Sollte es tatsächlich dazu kommen, befände sich auch die Republik Moldau laut Plate möglicherweise in großer Gefahr.

(Quelle: Heike Aßmann)

Das scheint auch Präsidentin Sandu zu wissen. Seit Dienstagabend wird an der Grenze zu Transnistrien schärfer kontrolliert. Zudem wurden alle Sicherheitskräfte in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Gleichzeitig hat das Land seine Bestrebungen, der Europäischen Union beizutreten, weiter intensiviert: Erst in der vergangenen Woche hatte Moldau einen Beitrittsfragebogen nach Brüssel geschickt. 

Militärisch ist das Land dagegen seit Anfang der 1990er-Jahre neutral, obwohl die Armee nicht nur an Missionen der EU, sondern auch der Nato beteiligt ist. Anders als in der Ukraine ist ein Beitritt zu dem Verteidigungsbündnis aber im Moment kein Thema. “Es wird oft vergessen, dass es auch als EU-Mitglied Sicherheitsgarantien gibt”, betont Katja Plate.

Maia Sandu: Die Präsidentin von Moldau verfolgt einen prowestlichen Kurs. (Quelle: Bernd Elmenthaler/imago images)

Militärisch bot auch die Ukraine ihre Hilfe am Mittwoch an: Theoretisch sei es möglich, Transnistrien unter ukrainische Kontrolle zu bringen, sagte der ukrainische Präsidentenberater Olexyj Arestowytsch. Kremlsprecher Dmitri Peskow nannte die Aussagen daraufhin “ziemlich provokant”.

Hinzu kommt allerdings auch, dass das Land von russischer Energie enorm abhängig ist: Gas bezieht Moldau etwa vollständig von Gazprom. Plate betont zwar, dass ein Stopp der Lieferungen bisher kein Thema sei, sich das allerdings schnell ändern könne.

Als Präsidentin Sandu vergangene Woche etwa prorussischen Kriegssymbole wie die Buchstaben “Z” und “V” verbieten ließ, kamen umgehend Drohungen aus Russland. Sie solle sich vorsichtiger äußern, da Moldau das Gas nicht bezahlen könne, klagte der russische Senator Alexej Puschkow und kündigte an, Sandu lande “im Mülleimer der Geschichte”.  

Hohe Flüchtlingszahlen bereiten Probleme

Wie könnten Deutschland und die EU aber dem Land in der schwierigen Situation helfen? Plate glaubt, dass in der aktuellen Situation Geld aus dem Westen am meisten helfe. Denn trotz der militärischen Spannungen hat Moldau im Moment vor allem mit hohen Flüchtlingszahlen zu kämpfen. Insgesamt sind seit Kriegsbeginn laut UN mehr als 400.000 Ukrainer aus ihrer Heimat in das Nachbarland geflohen. Drei Viertel davon sollen mittlerweile weitergezogen sein, allerdings stellen auch 100.000 Flüchtlinge den kleinen Staat vor große Herausforderungen. Auf einer Geberkonferenz wurden Anfang April schon fast 700 Millionen Euro an Hilfsgeldern dem Staat zugesagt.

Allerdings sieht Präsidentin Sandu auch die Notwendigkeit, das Militär weiter zu verbessern. “Unsere Armee ist ohne Ausrüstung und Militärtechnik geblieben”, klagte sie am Mittwoch anlässlich des 30. Jahrestags des moldauischen Generalstabs.

Ruhe zu bewahren, wie ihr Appell an die Bürger lautete, ist bei dieser Ausgangslage alles andere als einfach. 

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